Es gibt keinen Fachkräftemangel im Einkauf.
Es gibt ein Organisationsproblem.
Und das ist hausgemacht.
Eine steile These – aber sie hält der Realität in vielen Unternehmen stand.
In Diskussionen rund um den „War for Talents“ im Einkauf werden oft dramatische Zahlen genannt:
→ 83 % der Unternehmen erwarten laut DIHK negative Folgen durch fehlende Fachkräfte
→ Babyboomer gehen in Rente
→ Know-how verschwindet
Alles richtig.
Aber es ist nur die halbe Wahrheit.
Denn was in vielen Einkaufsorganisationen passiert, hat weniger mit fehlendem Talent zu tun –
sondern mit fehlender Struktur.
Ein Blick in den Alltag vieler Einkaufsabteilungen zeigt:
→ Einkäufer beschäftigen sich mit Lieferantenanlagen, Vorkasserechnungen und fehlenden Belegen
→ Rückfragen aus der Buchhaltung gehören zum Tagesgeschäft
→ Strategische Arbeit bleibt auf der Strecke
Die Konsequenz:
Gute Einkäufer haben keine Kapazität für das, wofür sie eigentlich eingestellt wurden.
Und genau deshalb:
→ verlassen sie das Unternehmen
→ oder entscheiden sich gar nicht erst dafür
Aktuelle Zahlen zeigen zudem ein differenzierteres Bild:
→ Nur noch 22,7 % der Unternehmen berichten von Fachkräftemangel (ifo Institut, 2026)
→ In der Industrie sogar nur 16,6 %
→ Die Fachkräftelücke ist laut IW um rund 18 % gesunken
Das bedeutet:
Der Markt gibt Fachkräfte her.
Aber Unternehmen verlieren sie –
an schlechte Prozesse, fehlende Wertschätzung und operative Überlastung.
Typische Muster aus der Praxis:
- Einkäufer werden in operative Prozesse gedrängt
→ statt strategisch zu arbeiten, verwalten sie - Grundprobleme bleiben ungelöst
→ Einmalbedarfe, C-Teile und Maverick Buying laufen unstrukturiert weiter
→ gleichzeitig werden neue Stellen geschaffen - Attraktive Rollen fehlen
→ die besten Einkäufer wollen gestalten, nicht abarbeiten
Auch technologische Lösungen werden oft überschätzt.
KI kann Prozesse beschleunigen –
aber nur, wenn diese sauber aufgesetzt sind.
KI auf ineffiziente Prozesse zu setzen, bedeutet:
Schneller schlechte Ergebnisse.
Und auch Interim Management oder Outsourcing greifen zu kurz,
wenn die Grundstruktur nicht stimmt.
Was wirklich hilft:
→ operative Prozesse gezielt entlasten (z. B. Einmalbedarfe konsolidieren)
→ strategischen Freiraum im Einkauf schaffen
→ in Mitarbeiterentwicklung und Organisation investieren
→ Rollen gestalten, die echte Verantwortung ermöglichen
Am Ende zeigt sich:
Fachkräftemangel ist oft nur ein Symptom.
Die eigentliche Ursache liegt in der Organisation selbst.
Wer seine Prozesse löst, löst auch sein Personalproblem.
Nicht umgekehrt.
